Title:

Der neue Pygmalion

Description:  Novella by Karl Leberecht Immermann
Publication List
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>|
  Wir empfehlen:       
 

Der neue Pygmalion



Der Baron Werner saß nachdenkend am Theetisch, seiner Tante Cordula gegenüber. Das Gespräch mußte wichtige Dinge betreffen; denn auf den Wangen der alten Dame lag eine hohe Röthe, auch goß sie in der Zerstreuung Arrak statt der Milch in ihre Tasse. Da die Reden bejahrter Frauenzimmer so bald nicht enden, kann es uns vielleicht gelingen, noch etwas von ihren Worten zu hören. Welcher Eigensinn, lieber Vetter! rief sie. Warum willst du nicht wenigstens den Versuch machen, Fräulein Lucianen kennen zu lernen? Der Vater ist dein Nachbar, die Tochter hat den Ruf des klügsten und sittsamsten Mädchens; es gäbe eine Partie, welche man nicht schöner wünschen könnte. Wie lange wirst du noch einsam unter deinen Ahnenbildern umhergehn? Du stehst in den Dreißigen; es ist die höchste Zeit, dich zu vermählen; das habe ich dir oft gesagt, und sage es auch heute. Du verlässest dich auf mich, weil du mich noch hast; weil du jetzt Ordnung in deinem Hause siehst, denkt dein Leichtsinn nicht weiter. Vetter, ich bin alt, und meine Flüsse im Haupte werden mir einmal unversehens ein Ende machen. Dann stehst du allein, und wirst es zu deinem Schaden merken. Ach, gönne mir doch die Freude, die Hälfte der Wirthschaftssorgen noch bei meinen Lebzeiten auf jüngere Schultern legen zu dürfen, damit ich, wenn ich sterbe, sicher seyn kann, daß dein Vermögen ordentlich zusammengehalten wird. Denn ohne Frauen sind alle Männer schlechte Wirthe, wo nicht gar Verschwender. Nicht wahr, wir fahren morgen zum Nachbar?

Ich werde für Sie anspannen lassen, versetzte der Baron; mich wollen Sie gütigst entschuldigen, ich bleibe zu Hause.

Und warum? warum, du Starrkopf? fragte ganz eifrig die Tante.

Mir sind solche absichtliche Freierritte, wie der Tod, zuwider, antwortete der Baron, und ich fühle mich um so weniger zu einem Besuche bei dem Nachbar aufgelegt, da ich versichern kann, daß ich zu seiner Tochter nie die mindeste Neigung fassen werde.

Die Neigung findet sich, sprach Cordula; ich möchte wissen, was du an Lucianen auszusetzen hast?

Gar Nichts, erwiederte lächelnd der Neffe, wenn ich ihr ein Conduiten=Attest schreiben, und Alles, wenn ich sie zu meiner Frau nehmen soll. Liebe Tante, sie hat viel gelernt: sie musizirt, zeichnet, tanzt sehr gut, und wird gewiß nie von dem Gleise der Tugend weichen. Es ist nur Schade, daß sich alle ihre Eigenschaften beschreiben lassen, und daß ihr die Natur den kleinen Rückhalt von Unbeschreiblichkeit versagt hat, welcher Männer und Frauen erst zu anziehenden Erscheinungen macht. Der Mensch soll nicht seyn, wie eine schlechtverhüllte Charade, deren Auflöung im nächsten Stücke erfolgt, sondern wie ein ewiges und unergründliches Räthsel. Sie müssen es meiner Bizarrerie zu Gute halten, daß ein so vollkommenes Frauenzimmer, wie Luciane, dem Ideal nicht entspricht, welches ich mir von der Weiblichkeit gebildet habe, und welchem ich, wenn nicht hienieden, doch jenseits zu begegnen denke.

Mit eurem Ideale! fuhr die Tante heraus. Das Wort gehört zu den verderblichsten, die je erfunden worden sind. Ihr macht einem selbstgeschaffenen Luftbilde den Hof, legt ihm ein ganzes Register von Vollkommenheiten bei, steigert eure Ansprüche weit über euer Verdienst, und könnt natürlich in einem braven Mädchen von Fleisch und Blut, welches euch das gute Glück in den Weg führt, das sogenannte Ideal nicht erblicken.

Sie werden mir wohl erlauben, beste Tante, sagte der Baron, daß ich hierin meinen Gefühlen folge.

O ja! rief sie, nun im Ernst böse, und ich wünsche dir, daß du dich noch in eine Landdirne verlieben, und von ihr einen Korb bekommen magst! Mit diesen Worten verließ sie das Zimmer.

Der Gescholtne lächelte über den Zorn der guten Frau, die ihn herzlich lieb hatte. Welche Mühe sie sich giebt, mich zu verkuppeln! sprach er. Ist das denn so nothwendig? Er stand auf, und machte einen Gang durch das Zimmer; denn sein Gemüth war doch erregt worden von dem Gespräche, welches ihn näher berührt hatte, als er zugeben wollte. Die Strahlen der Abendsonne fielen herein und beleuchteten die Portraits seiner Aeltern, die neben einander an der Wand hingen. Ihm selber unerklärlich war es, wie ihn der verehrten Bilder Anblick grade jetzt so tief rühren mußte. Der Vater schaute aus der alterthümlichen Uniform ernst und tapfer, die Mutter blickte unter ihrem Spitzenhäubchen ruhig und sanft, und man sah, daß die beiden Personen zusammengehört hatten. Welch eine Fülle von Glück haben sie mit einander genossen! dachte Werner; und eine Thräne der Wehmuth trat in sein Auge. Ihm däuchte, als riefen sie ihm zu: Gaben wir dir das Daseyn, damit du es müßig und einzeln verträumen solltest? Schaue uns an, und folge unserm Beispiele. - Er trat an das Fenster, und sah in die herrliche, vom Abendroth verklärte Landschaft. Sein Blick fiel in den Schloßgarten unter dem Fenster, schweifte dann hinüber zu dem prächtigen Rhein, der den Garten bespülte, zu den grünen Rebenhügeln am jenseitigen Ufer, und den Gebirgen, die sich über ihnen in blauen Umrissen erhoben. So weit er Gegenstände unterscheiden konnte, reichte sein Eigenthum. Diese Kornfelder, diese Weinberge, diese Forsten sind mein - rief er aus - und ich bin Niemandes! In meiner Jugend reiste ich durch fremde Länder; nun bin ich zu Hause, wie in der Fremde. Wenn ich einen Ritt gemacht habe, und zurückkomme, wenn ich meine Saatregister nachgesehen, meine Bauten revidirt habe; es ist Alles eins und dasselbe. Ich häufe Geld auf Geld; es macht mir keine Freude. Sterbe ich, so weiß nur der Kastellan von mir zu sagen, der Reisenden die Familiengruft zeigt. Bei Gott, solch ein Leben ist ganz leer und elend, und ich muß es aufgeben über kurz oder lang!

In diesen Betrachtungen störte ihn ein kurze, aschgrau gekleidete Figur, die zur Thür herein sprang. Es war der Maler Sterzing, ein alter Bekannter des Barons, der seit einigen Wochen sich auf seinem Gute verweilte, um Prospecte nach der Natur zu zeichnen. Thee! rief der possirliche Mann - um aller Götter willen, Thee! Ich bin so dürr im Halse, wie ein trockner Pinsel. Süperbe Gegenden, aber wahre Todtmacher für meine krummen Beine! Das verdammte Bergklettern!

Wo seid Ihr gewesen? fragte der Baron.

Erst im Thale, um die Felsen zu copiren, versetzte Jener, dann am Waldbrunnen bei dem Försterhause, wo ich höchst wunderbarer und glücklicher Weise die vollkommenste Staffage zu meiner heroischen Landschaft fand.

Lieber Sterzing, sagte der Baron, ich wollte, Ihr ließet diese leidige Mittelgattung fahren, und ergäbet Euch entweder der reinen Landschaft oder der reinen Historie. Ihr seid ein wackrer, denkender Künstler; aber bei Euren Lieblingscompositionen weiß man in der That nicht, worauf man blicken soll, auf die Bäume, oder auf die Nymphen, die unter ihnen scherzen, auf die Felsen, oder auf den todten Adonis, der am Fuße ihrer Wände von der Göttin beweint wird? In jedem Kunstwerk muß etwas die Hauptsache und etwas die Nebensache seyn, sonst entsteht bei allem Verdienste nur Verworrenheit.

Der Maler lächelte während dieser Rede seinen Wirth mitleidig an, wie Einer, der sich seiner Ueberlegenheit bewußt ist, und sprach ganz ruhig: Ihr habt Eure Meinung, und ich meinen Pinsel. Sprecht Ihr, - ich male. Euch schüttelt auch das allgemeine Fieber, von der Kunst zu schwatzen, mein lieber Baron. Sie reden in unser Metier mächtig hinein; aber ein braver Knabe kehrt sich nicht daran.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB: mit Allgemeinem Gleichbehandlungsgesetz, BeurkundungsG, BGB-Informationspflichten-Verordnung, Einführungsgesetz, ... Rechtsstand: 1. August 2012
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrecht, mit …
Strafgesetzbuch StGB: mit Einführungsgesetz, …
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, …
Arbeitsgesetze
Basistexte Öffentliches Recht: Rechtsstand: 1. …
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit …
 
   
 
     
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>| 

This web site is a part of the project CopyrightedBy.com.

Back to the topic sites:
CopyrightedBy.com/Startseite/Genres/Novelle
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/I/Immermann

External Links to this site are permitted without prior consent.

Publication List:
Auf dem Rhein
Der Karneval und die Somnambule
Der Student von Prag
Die Entführung oder Das Lustspiel ohne Dame.
Die Schönheit und der Dichter
Die zertrümmerte Säule
...
   
  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum