Title:

Der neue Pygmalion

Home
Publication List
deutsch
  
ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012   ISBN: 3423050012 
 
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>|
  Wir empfehlen:       
 

Werner wollte das Gespräch nicht weiter führen, und fing an in des Malers Mappe zu blättern. Er sah mit Vergnügen die Umrisse mehrerer, ihm lieb gewordnen Plätze von sichrer Hand aufgenommen. Sterzing war ein talentvoller Mensch, und hätte weit mehr leisten können, wenn nicht eine gewisse willkürliche Laune sein productives Vermögen oft gestört hätte. Der Humor, welcher schon in der Poesie die gefährlichste Beimischung ist, aber ganz unerträglich wird, wenn er in den Werken der bildenden Kunst sich ruhigen, ernsten Stoffen anheftet, verleitete ihn zu manchen Abenteuerlichkeiten. Er that sich nicht wenig darauf zu Gute, in eine sehr liebliche Landschaft Galgen und Rad, grell beleuchtet, gepflanzt zu haben, um durch diese sonderbare Zusammenstellung den Contrast zwischen der Anmuth der Natur und der menschlichen Verruchtheit anzudeuten. Das Gemälde aber, welches die Flucht der Daphne vorstellte, und, um die Schnelligkeit derselben zu bezeichnen, am linken Rande nur noch das aufgehobene Bein der Nymphe sehen ließ, war seine ganze Seligkeit, und er versicherte im vollen Ernst, dieses Stück werde ihn der Unsterblichkeit überliefern. Fragte man ihn, wo Apoll stecke? der nirgends zu sehn war - so antwortete er: daß dieser Gott noch weit zurück sey. Auch seinen bessern Bildern begegnete das Unglück, daß sie der Erklärung bedurften. Vielleicht wäre er für kleine geistreiche Skizzen zur Verzierung von Büchern sehr brauchbar gewesen; aber er hatte gegen diese Art, womit seine dürftigen Jugendjahre sich beschäftiget, einen entschiedenen Haß, und leidenschaftliche Neigung zu großen selbstständigen Werken. Solche Talente, wie seines, sprechen die Zeit rascher an, als ein einfaches, bewußtloses Genie, und unser Maler hatte sich daher über seine Glücksumstände nicht zu beklagen.

Der Baron rief plötzlich, indem er ein Blatt zur Hand nahm: Was ist das? Wer hat Euch diese Idee eingegeben? In der That bot die Zeichnung ihm das sonderbarste Gemisch von Phantasie und Wirklichkeit dar. Die Landschaft erkannte er wieder; es war ein heimliches Waldplätzchen neben der Wohnung seines alten Försters Konrad. Unter einer Eiche saß eine Figur, welche die größte Aehnlichkeit mit des Försters Tochter Emilie hatte, spinnend, in sich gekehrt, und mit dem allerliebsten Zuge des Trotzes auf dem Gesichtchen, welcher ihn schon oft an diesem Kinde ergötzt hatte. Um ihr Haupt war der Heiligenschein angegeben, und über ihr gaukelte in wolkigen Umrissen eine zarte Engelgruppe. Ganz links in der Entfernung stand eine männliche Gestalt, im weiten Mantel, mit dem Antlitz des Barons. Sie schien sich der Jungfrau nähern zu wollen, aber von ahnungsvoller Ehrfurcht an ihren Platz gefesselt zu seyn. Auch ihrem Haupte fehlte der Zirkel nicht.

Sterzing weidete sich an dem Erstaunen seines Wirthes, und zögerte mit der Antwort. Jener fuhr fort: Ich muß gestehn, daß diese Skizze einen tiefern Eindruck auf mich macht, als was ich bis jetzt von euch gesehen habe, und wenn ihr nicht meinem Conterfei einen Zug von Albernheit gegeben hättet, so würde jener Eindruck ganz vollkommen seyn. Aber redet, woraus entsprang die hieroglyphische Conception? In der Landschaft sind Correcturen; wie seid ihr dazu gekommen? Ihr nehmt doch sonst jede Partie, ohne zu irren, auf. Hört die Geschichte, antwortete der Maler. Aber erst sagt mir: wofür haltet ihr diese Figuren? - Der Baron meinte, daß sie wahrscheinlich Maria und Joseph bedeuten sollten, worauf der Andre sagte: Ihr habt es getroffen. Es ist der Moment vor der Verkündigung. Maria ist in der Sommerhitze hinaus gegangen, und treibt ein weibliches Geschäft; der Himmel schenkt ihr den Heiligenschein pränumerando, kleine Engelchen schweben höflich über der zukünftigen Mutter des Herrn, eine kräftige Beleuchtung wird sie auf das Schönste heraussetzen; der ätherische Bote mag erscheinen, wann er will, es ist Alles zu seinem Empfange bereit, und dieses liebe trotzige Mädchen wird nicht anstehn, ihn etwas schnippisch zu fragen: Wie soll das zugehn? Joseph, der seiner Braut in ihre Einsamkeit gefolgt war, merkt plötzlich, da er sie vom Weiten unter dem Baum sitzen sieht, daß er nicht recht zu der Jungfrau passe, bleibt aus Respect, wo er ist, und muß, wie jeder ehrliche Bräutigam in ähnlicher Lage, etwas verlegen, oder wenn Ihr wollt, einfältig aussehn.

Ihr seyd und bleibt ein Parodist, rief der Baron, aber wie kommt Ihr zu dieser Portraitierung von Landschaft und Figuren?

Ich hatte lang im Sinn, ein solches Bild zu machen, sagte Sterzing. Die Landschaft war zusammenphantasiert, und auf das Papier geworfen; mit der Staffage haperte es, mein Gehirn wollte nicht in die Wochen kommen. Zufällig trage ich das Blatt heute bei mir, als ich umhersteige. Ich dringe durch den Thalweg zu der Stelle, die Ihr kennt, und sehe auf einmal das ganze Gemälde, wie ich es wünsche, vor mir. Das Försterhäuschen, die Eichen, der Brunnen - fast so, wie meine Phantasie, die mit wenigen Strichen in eine Copie umzusetzen war. Unter der größten Eiche ein Kind, wie ich mir die Jungfrau denke, die sich bei der Geburt ihres ersten Sohnes so resolut benahm. Ich hätte beinahe vor Freude geschrieen bei diesem Anblick, bezwang mich aber, holte still den Bleistift hervor, und im Umsehn war das Ding fertig.

Aber Joseph?

Ihn mußte ich dazu haben, wegen des Contrastes. Ich weiß nicht, woher es kam, daß mir kein anderer Mann einfiel, als Ihr, und so erlangtet Ihr den Heiligenschein.

Sterzing packte seine Sachen zusammen, und trug sie fort. Unser Freund war wieder allein, und in der seltsamsten Stimmung. Die Gestalt des Mädchens unter der Eiche wich nicht aus seinem Geiste, und er erinnerte sich mit einem träumerischen Behagen, wie ihm das Urbild, wenn er in der Nähe des Försterhauses spazieren ging oder ritt, oft aus einem dunkeln Seitenwege unerwartet entgegengetreten war, ihn dreist und unbefangen grüßend. Er wurde zum Abendessen gerufen, und war bei der Tafel zerstreuter, als gewöhnlich. Nur mit halbem Ohr hörte er auf die Possen Sterzings, die ihn sonst zu ergötzen pflegten. Dieser hatte durch verschiedene geheimnißvolle Reden der Tante Cordula eingebildet, daß er aus irgend einer illegitimen Verbindung irgend eines Fürsten entsprossen sey, und die brave Frau, welche, bei aller Herzensgüte, doch gar gern unter Stammbäumen spazieren ging, sah freilich den Maler seit dieser Entdeckung mit andern Augen an, schmückte seinen Namen mit dem bedeutenden: von, hielt den vertraulichen Ton zwischen ihrem Neffen und ihm für nicht so anstößig mehr, als früherhin, und tröstete ihn, wenn er über die Dunkelheit seines Schicksals klagte, mit der Zeit, die oft verborgne Größe an das Licht gebracht habe.

  
Bürgerliches Gesetzbuch BGB
von Helmut Köhler
Siehe auch:
Handelsgesetzbuch HGB: ohne Seehandelsrech...
Arbeitsgesetze
Grundgesetz GG: Menschenrechtskonvention, Europäischer Gerichtsh...
Strafgesetzbuch StGB
Aktiengesetz · GmbH-Gesetz: mit Umwandlungsgesetz, Wertpapiererw...
Zivilprozeßordnung. ZPO
 
   
 
     
|<< First     < Previous     Index     Next >     Last >>| 

Back to the topic sites:
CopyrightedBy.com/Startseite/Genres/Novelle
CopyrightedBy.com/Startseite/Autoren/I/Immermann

External Links to this site are permitted without prior consent.

Publication List:
Auf dem Rhein
Der Karneval und die Somnambule
Der Student von Prag
Die Entführung oder Das Lustspiel ohne Dame.
Die Schönheit und der Dichter
Die zertrümmerte Säule
...
   
  Home  |  deutsch  |  Set bookmark  |  Send a friend a link  |  Impressum